Die Brücke am Kwai: Kampf der Kulturen – Col. Nicholson vs. Col. Saito

Einer der ersten großen und erfolgreichen Filme über den 2. Weltkrieg ist Die Brücke am Kwai. Dieser mit sieben (!) Oscars ausgezeichnete Film überzeugt nicht nur durch die überragende schauspielerische Leistung von (Sir) Alec Guinness, sondern auch durch eine spannende und tiefgründige Handlung.

Im Mittelpunkt steht dabei der Konflikt zwischen dem Briten Colonel Nicholson (Alec Guinness), als ranghöchstem Kriegsgefangenen in einem japanischen Kriegsgefangenenlager und Colonel Saito (Sessue Hayakawa), dem Kommandanten des Lagers. Daher lässt sich die Handlung von Die Brücke am Kwai auch am besten begreifen, wenn man die Beziehung und den Konflikt der beiden Hauptakteure sowie ihre Charaktere untersucht.

Colonel Nicholson entspricht dem Stereotyp des britischen Berufsoffiziers. Er wirkt auch in der Gefangenschaft sehr würdevoll, diszipliniert, pedantisch und etwas versnobt. Eine weitere Eigenschaft Nicholsons ist seine Prinzipien- und Gesetzestreue, die ihn letztendlich auch in den Konflikt mit dem ebenso prinzipientreuen Saito geraten lässt. Colonel Saito ist dagegen kein typischer und vollblütiger Kariereoffizier. Er ist ein kunstinteressierter Mensch, der eigentlich auch Kunst studieren wollte. Sein Vater war jedoch der Meinung, dass Saito ein Ingenieurstudium absolvieren und anschließend in die Armee gehen sollte – was Saito letztendlich auch getan hat. Obwohl er eigentlich ein Schöngeist ist und nicht in die Armee wollte, befolgt Saito die Regeln und den Ehrenkodex (Bushido = der Weg des Kriegers) des japanischen Offizierscorps. Als Mensch scheint er Mitleid mit den Gefangenen zu haben (ein Indiz dafür ist sein erschütterter Blick, als Nicholsons abgekämpfte Truppe in das Lager einmarschiert), aus der Sicht eines japanischen Offiziers, erkennt er die Gefangenen jedoch nicht mehr als Soldaten an, da sich diese ergeben haben (was nach dem Bushido ein Tabu ist). In Saitos Lager ist es – wie in jedem japanischen Kriegsgefangenenlager – üblich, dass nicht nur Kriegsgefangene im Mannschafts- und Unteroffiziersdienstgrad, sondern auch Offiziere körperliche Arbeit leisten müssen.

Ein Kampf der Welten

Als Colonel Nicholson davon erfährt, besteht er darauf, dass er und seine Offiziere – gemäß der Genfer Konvention – keine körperliche Arbeit, sondern nur einen Dienst in der Verwaltung leisten müssen. Colonel Saito erkennt Nicholson und seine Offiziere jedoch nicht als Offiziere an, da diese ihren Männer befohlen haben, sich zu ergeben, anstatt – gemäß des Bushido – bis zum letzten Mann zu kämpfen. Folglich verlangt Saito auch von den gefangenen Offizieren körperlich Arbeit. An dieser Stelle prallen zwei Kulturen bzw. zwei Weltanschauungen aufeinander. Während Saito den Bushido zum Maßstab nimmt, besteht Nicholson auf die Einhaltung von Verträgen (die Genfer Konvention, die auch Japan unterzeichnet hat).

Colonel Saito versucht Colonel Nicholson und seine Offiziere durch Gewalt zur Arbeit zu zwingen. Er lässt Nicholson verprügeln und steckt ihn und seine Offiziere wochenlang in so genannte Backöfen (kleine Wellblechkästen, die sich in der Sonne unerträglich aufheizen und in denen die Gefangenen auf engstem Raum zusammengepfercht werden. Saito verstärkt den Druck auf Nicholson, indem er die Insassen des Lazaretts anstelle der Offiziere zur Arbeit schickt. Nicholson gibt dem Druck jedoch nicht nach, obwohl ihm bewusst ist, dass er, seine Offiziere und die kranken Kriegsgefangenen kurz vor dem physischen Ende stehen. Ihm geht es, wie er dem Arzt Major Lipton bei dessen Versuch zu vermitteln entgegenhält, einfach um das Prinzip.

Die beiden Kontrahenten (Nicholson und Saito) sind sich ihrer Lage und der möglichen Konsequenzen ihres Handelns durchaus bewusst, verdrängen jedoch ihre Verantwortung in dieser Situation. Sie sehen beide den jeweils anderen als Schuldigen. Obwohl Colonel Saito die alliierten Offiziere nicht als solche anerkennt und obwohl er auf jeden Arbeiter angewiesen ist, versucht er einen Kompromiss mit Colonel Nicholson zu schließen, indem er vorschlägt, dass nur die Offiziere vom Major abwärts körperliche Arbeit leisten sollen. Nicholson lehnt dies jedoch kategorisch ab und besteht auf eine genaue Einhaltung der Genfer Konvention. Aus dieser Situation entsteht ein Streit, der die weltanschaulichen und kulturellen Unterschiede der beiden Kontrahenten deutlich macht.

Colonel Saito zieht neue Grenzen

Die Situation droht außer Kontrolle zu geraten, bis Colonel Saito den japanischen Nationalfeiertag zum Sieg Japans gegen Russland im Krieg von 1905 nutzt, um eine Generalamnestie zu erlassen. Diese Generalamnestie umfasst auch einen Erlass des Lagenkommandanten, der gefangene Offiziere von körperlicher Arbeit ausschließt. Diese Amnestie ermöglicht es Colonel Saito, Colonel Nicholson entgegenzukommen, ohne dabei das Gesicht und seine Autorität als Kommandant zu verlieren. Persönlich empfindet er diese Situation dennoch als Niederlage (Saito weint in seinem Quartier, während die alliierten Gefangenen die Freilassung ihrer Offiziere feiern).

Nachdem Colonel Nicholson frei gekommen ist, übernimmt er sofort wieder das Kommando über seine Soldaten. Bei einer Lagebesprechung attestiert er den gefangenen alliierten Soldaten einen Verlust an Disziplin und macht seinen Offizieren klar, dass die Soldaten mit dem Bau der Brücke eine Aufgabe übernehmen sollen, durch die die Offiziere wieder Ordnung in die „Truppe“ bringen sollen. Die anderen Offiziere wirken etwas verstimmt, als Colonel Nicholson von Ihnen verlangt, die Soldaten so einzusetzen und anzutreiben, dass sie in kürzester Zeit (eigentlich ist eine termingerechte Fertigstellung der Brücke unmöglich) eine Brücke bauen. Nicholson verlangt von seinen Ingenieuren sogar eine Brücke zu konstruieren, die besser als die Konstruktion der Japaner werden soll.

Hier zeigt sich ein weiterer weltanschaulicher Konflikt. Diesmal ist es keiner zwischen Japanern und den westlichen Alliierten, sondern ein Konflikt innerhalb des alliierten Offizierscorps. Während der Großteil der alliierten Offiziere ihre Pflicht darin sieht, den Brückenbau und damit die Infrastruktur des Feindes zu sabotieren, sieht Colonel Nicholson seine primäre Pflicht in der Aufrechterhaltung von Ordnung und Disziplin. Dabei kommt ihm der Brückenbau sogar gelegen. Nicholson will den Brückenbau auch zur Demonstration der Überlegenheit der westlichen Kultur (an die er glaubt) gegenüber den Japanern nutzen, um so die Moral seiner Soldaten zu heben.

Trailer Die Brücke am Kwai

Die Brücke am Kwai wird Ort der Entscheidung

Im Verlauf der Bauarbeiten bildet sich eine Art Allianz zwischen den (vermeintlich) ehemaligen Kontrahenten Nicholson und Saito. Bei haben aus verschiedenen Gründen ein Interesse daran, die Brücke fristgerecht und qualitativ hochwertig zu bauen. Diese Allianz geht sogar soweit, dass Saito auf die Bitte Nicholsons eingeht und einige seiner Soldaten für den Streckenbau abkommandiert. Japanische Soldaten arbeiten also unter Anleitung (wenn auch nicht offiziell unter Befehl, da diesen formal immer noch Saito hat.) alliierter Offiziere.

Nicholson und Saito kommen sich auch menschlich näher; sie werden sogar Freunde! Der Krieg scheint für einen kurzen Moment in Vergessenheit zu geraten. Dieser „Frieden“ endet jedoch am Tag der feierlichen Eröffnung der Bahnstrecke, als ein alliiertes Sonderkommando die Brücke zu sprengen versucht. Nicholson entdeckt die Sprengvorrichtungen und versucht die Zerstörung seines Werks zu verhindern. Als Colonel Nicholson den aus dem Lager geflohenen amerikanischen Commander Shears unter den Mitgliedern des Kommandos erkennt, kommt er jedoch wieder zur Besinnung und erfüllt seine Pflicht als Soldat und Offizier, indem er unter Einsatz seines Lebens die Zündvorrichtung selbst betätigt. Bei dieser Aktion sterben sowohl Nicholson, als auch Saito.

Die Bedeutung der Schlussszene liegt darin, dass in diesem Moment Nicholson kein Gefangener und Saito kein Lagekommandant mehr ist. Beide nehmen wieder am Kriegsgeschehen Teil und sterben als Soldaten. Sie sind beide in diesem Moment von ihren belastenden Rollen und Aufgaben befreit und sterben daher in Freiheit! Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Figurenkonstellation in Die Brücke am Kwai nicht nur einen reinen weltanschaulichen Konflikt zeigt, sondern auch klarmacht, was es für einen Menschen bedeutet in einer Rolle oder Position gefangen zu sein.

Von | 2017-03-09T19:26:09+00:00 23. März 2013|

Über den Autor:

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