The Neon Demon (2016) – Kritik: Zwischen Licht und Schatten

The Neon Demon ist ein hypnotischer Trip durch eine verlogene Welt, die das Individuum aushöhlt, auf die äußere Hülle reduziert und sämtliche Unschuld verschluckt.

Die 16-Jährige Jesse macht sich auf den Weg von Georgia nach Los Angeles, um ihren Traum von einer Karriere in der Modebranche zu verwirklichen.

Schnell merkt sie, dass die Versprechungen in der Modewelt von kurzer Dauer sind. Zahlreiche Mädchen kommen mit ihren Hoffnungen in dieser Branche an, um dann an der ungewohnten und kalten sowie schnelllebigen Welt zu zerbrechen. Und so sitzen die jungen Damen im Wartesaal des Glücks, stets in der Hoffnung, endlich ein Shooting zu bekommen. Und so hetzen die jungen Damen von einem Schaulaufen zum nächsten. Jessy selbst wird früh durch ihre Agentin in die Welt der Lügen eingeführt, denn von dieser erhält sie die Anweisung ihr wahres Alter zu verleugnen: 19 statt 16 – hört sich besser an.

The Neon Demon ist die Geschichte eines rasanten Aufstiegs in einer oberflächlichen Welt. Diese Welt erlaubt nur wenigen Menschen den Aufstieg und muss zwanghaft auch Verlierer hervorbringen. Und davon gibt es in der Branche eine Menge: Da wäre Sarah (Abbey Lee), die daran zu zerbrechen scheint, dass Jesse nun die Branche dominiert und selbst immer weniger Aufträge generieren kann. Da ist aber auch Gigi (Bella Heathcote), die sich ihren Körper immer wieder durch Chirurgen zurechtbiegen lässt, um den Trends der Branche zu standhalten zu können. Aber nicht nur die Frauen jagen ihren Träumen hinterher, sondern auch die Männer. Fotograf Dean (Karl Glusman) ermöglicht Jesse mit seinen Bildern den Zugang zur Branche, wird dann aber zeitnah vom System verschluckt.

The Neon Demon - Jesses Transformation

Jesse auf dem Laufsteg

Und zuletzt ist da noch Ruby (Jena Malone), die Maskenbildnerin, die sich nebenbei noch Geld als Leichenkosmetikerin verdient. Ruby verfällt Jesse bereits früh und droht an deren Abweisung zu zerbrechen. Den psychischen Verfall von Ruby inszeniert Nicolas Winding Refn in einer ernsthaft schockierenden Szene, die den Bereich des Zumutbaren für einige Zuschauer überschreiten wird. Dennoch ist dem Regisseur auch mit dieser Szene ein Kunstgriff gelungen, der die Verzweiflung und gefühlte Ausweglosigkeit Rubys in wenigen, wenn auch zerstörerischen Bildern einfängt.

Es ist aber nicht nur die Modebranche, die Nicolas Winding Refn in The Neon Demon angreift. Es ist auch die Stadt L.A., die ihre Bewohner zu Monstern werden lässt. Der Motelbesitzer Hank (Keanu Reeves) ist ein Abzocker, ein schmieriger Macho, der sich Nacht für Nacht an den jungen Mädchen in seinem Motel vergeht.

„Ich bin nicht so hilflos wie ich aussehe…“

Nicolas Winding Refn erzählt seine Geschichte in einer surreal erscheinenden Welt, die er durch grelle Farbtöne inszeniert und jede einzelne Szene wie einen Traum wirken lässt. Der Regisseur zeichnet langsame, verträumte Bilder, die stets erahnen lassen, dass sich bald etwas winden, ein heraufziehendes Unheil das bisher Gesehene zerstören wird. Jesses Transformation vom unschuldigen Mädchen zur rücksichtslosen Diva erzählt Winding Refn in ikonographischen Bildern, die im Gedächtnis bleiben.

Unterstützt werden die Bilder von einer schwer anmutenden, bedrückenden Musik, die häufig nur vom Auslöser der Kameras unterbrochen wird, die wie ein Herzschlag anmuten. Die Metaphorik in The Neon Demon ist das dominierende Moment und die treibende Kraft der Erzählung. Dem Regisseur ist es gelungen, dass die Geschichte über die visuellen Impulse mit den Augen wahrgenommen wird und weniger auditiv über die Dialoge.

Überhaupt wirken die Dialoge in vielen Szenen Damit bricht er das Zusammenspiel von Sehen und Hören auf und beschränkt sich in vielerlei Hinsicht nur auf das Sehen. The Neon Demon erzählt seine Geschichte über die Form, ein Zugang, den nur sehr wenige Regisseure wirklich beherrschen.

„Wahre Schönheit ist die stärkste Währung, die wir haben.“

Es ist Fluch un Segen zugleich, dass man über Jesse nicht wirklich viel erfährt. Auf der einen Seite ist man als Zuschauer wirklich neugierig, welchen Hintergrund der Charakter von Jesse in ihrer Heimatstadt Georgia gehabt haben mag. Auf der anderen Seite ist gerade das Ausbleiben von Details so wichtig, um Jesse in eine Distanz sowohl zum Zuschauer als auch zu den anderen Charakteren zu bringen. Für die Erzählung von The Neon Demon ist dieser Schachzug aber konsequent, da er die Flüchtigkeit von Menschen, Gesichtern und Ereignissen unterstreicht.

Nicolas Windung Refn setzt das Thema Schönheit und Vergänglichkeit in den Fokus seiner Erzählung. Dabei ist The Neon Demon in erster Linie eine Abrechnung mit der Branche und den dort herrschenden Mechanismen. Der Film ist aber auch eine Mahnung an die Jesses dieser Welt, denn Schönheit kann auch zum Fluch werden, wenn man sie wie eine Karte ausspielt.

Der wahre Schrecken ist aber, dass das Schöne ins Schreckliche abgleiten kann.

Von | 2017-04-01T21:18:25+00:00 01. April 2017|

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