Billy Elliot – Analyse der Farben und Charakterisierung

Die Geschichte von Billy Elliot spielt in der kleinen Bergarbeitersiedlung Durham im Nordosten Englands. Es ist 1984, die ansässigen Bergarbeiter befinden sich in einem Streik, der später als Miners‘ oder Coal Strike in die Geschichte eingehen und die Position der Gewerkschaften nachhaltig schwächen wird.

Billy Elliot ist ein handwerklich brillant durchdachter und inszenierter Film. Regisseur Stephan Daldry erzählt die Geschichte des kleinen Jungen, der auszog, um Tänzer zu werden, nicht nur auf narrativer Ebene exzellent, sondern auch auf Ebene der Filmsprache. Der folgende Text versucht, in gebündelter Form die prägnanten Sprachelemente des Films zu entschlüsseln und zu beschreiben.

Zu Beginn des Films legt Billy eine Schallplatte auf, steigt auf sein Bett und beginnt darauf zu hüpfen. Diese Szene ist ein starker Einstieg in die Geschichte, da sie mehrere Implikaturen mit sich bringt. Daldry bedient sich in Billy Elliot, ähnlich wie Stanley Kubrick in Eyes Wide Shut, einer intensiven Farbsprache: Die Wand hinter Billy ist in einem Grünton gehalten, ebenso wie seine Hose, die lediglich von einem senkrechten roten Strich geziert ist. In der psychologischen Farblehre, die in diesem Film sehr von Bedeutung ist, steht die Farbe Grün für Hoffnung und Rot gilt als Farbe des Blutes und der Seele, die alle Gefühle vereint. Dieses Farbspiel zu Beginn des Films weist den Betrachter latent auf das hin, was im Plot geschehen wird: Billy Elliot möchte Ballet-Tänzer werden und wird dabei auf Hindernisse stoßen. Doch weil seine Leidenschaft so groß ist, wird er die Hoffnung niemals aufgeben. Denn der Wunsch Tänzer zu werden ist kein Hirngespinst eines kleinen Jungen, Billy Elliot lebt für den Tanz.

In diesem Opener sehen wir einen extrovertierten Billy Elliot, einen glücklichen kleinen Jungen. Diese Szenen haben im Verlauf des Films Seltenheitswert.

Es ist der Traum vom Tanzen, der Billy durch den Tag bringt. Seit dem Tod seiner Mutter hat sich in seiner Familie sehr viel verändert. Er wird nicht mehr richtig ernst genommen, da er keine klare Position beziehen kann. Für den Kampf der Gewerkschaft ist er zu jung und im Haus des Vaters wird ihm fast alles verboten: Die Platten des großen Bruders sind tabu und auch das Spielen des Klaviers stößt beim Vater nur auf wenig Gegenliebe. „Mum hätte mich gelassen“, sagt Billy hin und wieder, wenn er einmal mehr mit einem neuen Verbot konfrontiert wird. Die Mutter scheint auch nach ihrem Tod noch immer die mahnende Instanz in Billys Leben zu sein. Die Figur der Mutter wird immer wieder aufgegriffen, ebenso ihre Bedeutung für Billys Leben. Bei einer Tanzstunde bringt Billy einen Brief seiner Mutter mit, welchen er erst an seinem 18. Geburtstag öffnen sollte. Jedoch hat er den Brief bereits geöffnet und kann ihn der Tanzlehrerin auswendig aufsagen. Dieser Brief verbindet Billy Elliot mit seiner Mutter, mehr ist ihm von ihr nicht geblieben. In einer anderen Szene holt Billy sich ein Glas Milch aus dem Kühlschrank und sieht seine Mutter vor sich stehen. Diese Szene verdeutlicht erneut, dass die tote Mutter einen erziehenden und ermutigenden Einfluss auf Billy hat. Ihre Erscheinungen, sei es imaginär oder auf Bildern, dient ständig der Rückversicherung, dass er das Richtige tut.

Der Aufmerksamkeit seines Vaters kann Billy sich lediglich beim Boxtraining sicher sein. Doch auch hier wird schnell ersichtlich, dass Billy einen anderen Weg gehen wird. Anstatt sich auf seine Schritte im Boxring zu konzentrieren, bewegt er sich zum Takt der Musik, die durch die Halle geht. Gefangen vom Anblick der Tänzerinnen, begibt Billy sich nach dem Boxunterricht zum Ballet-Training. Dort lernt er, wenn auch zögerlich, die ersten Schritte und bemerkt, dass seine Vorliebe zum Tanz langsam zur Passion wird. Nach der Ballet-Stunde wird Billy von seiner Lehrerin um 50 Pence für die Stunde gebeten. Danach schwingt Billy seinen Holzstock und die Szene blendet aus in die eines Theaters: Der Tanz ist für Billy bereits jetzt allgegenwärtig.

Die Farben Grün, Blau und Weiß dominieren den Film: Sie begegnen uns in Tapeten, Kleidung und Dekorationen.  So sehen wir zum Beispiel Billys Vater in einer Szene in einem strahlenden grünen Hemd. Auch der Vater scheint noch von Hoffnung beseelt zu sein, dass bessere Zeiten für ihn kommen werden. Wir sehen dieses Hemd im Verlauf des Films jedoch nicht wieder. Je offensichtlicher das Scheitern der Streikbewegung ist, desto weniger oft taucht die Farbe Grün auf.

Als der Vater von der geheimen Leidenschaft seines Sohnes erfährt, bricht für ihn eine Welt zusammen. Denn Tanzen ist nach seiner Definition den Homosexuellen vorbehalten. Bei dem klärenden Gespräch zwischen Billy und seinem Vater sehen wir die beiden Charaktere jeweils durch eine Halbtotale argumentieren, der Film selbst bezieht an dieser Stelle noch keine Postition und gibt keinem der Charaktere eine Gewichtung. Billy flüchtet sich aus dieser Szene, indem er das Haus verlässt und durch die Siedlung rennt. Dabei trägt er erneut eine grüne Hose und einen blauen Pullover. Grün und blau als Zeichen für Hoffnung und Grenzenlosigkeit.

Doch der Vater kommt zur Vernunft. Er merkt, dass Billys Leidenschaft eine Chance verdient hat und dass er seinem Sohn bisher nichts bieten konnte. Das von der Tanzlehrerin in die Wege geleitete Vortanzen ist auch für ihn als Vater die letzte Chance, um die Familie zusammen zu halten. Diese Erkenntnis setzt sich auch bei Billys Bruder durch. Mehr noch: Sogar das Dorf hilft und spendet, damit Billy die Reise nach London zur Royal Ballet School antreten kann. Das Vorhaben gelingt und Billy fährt mit seinem Vater nach London zum Vortanzen.

In der Royal Ballet School schlägt Billy einen Mitschüler, weil er dessen Annäherungen als Akt eines homosexuellen Habitus auslegt. Billy Elliot hat dieses Vorurteil aus der Siedlung extrahiert. Er ist ein Arbeiterkind und wird es auch bleiben. Aber wenn er seinen Weg in der für ihn neuen Welt gehen will, muss er noch viel lernen und einige Vorurteile aus dem Dorf fallen lassen. Die ihm vom Vater mitgegebenen Maxime haben in der Stadt keine Gültigkeit. Sein Vater hat in sich selbst ein Bild einer Gesellschaft manifestiert, die er vorher nie gesehen hat, denn laut eigener Aussagen ist er aus Durham niemals herausgekommen. Umso härter wird es für ihn sein, den Sohn zum Vortanzen zu begleiten, sich in einer für ihn elitären Gesellschaft zu bewegen.

Das Ende von Billy Elliot entfaltet sich auf so vielen Bedeutungsebenen, dass man die Konsequenzen der Handlungen auf einzelne Gruppen separieren muss. So verleibt die gesamte positive Gewalt der Entwicklungen bei Billy. Er ist derjenige, der aus dem System der Bergarbeiter ausbrechen und ein neues Leben beginnen wird. Seine Familie profitiert insoweit, dass das Beziehungsgeflecht wieder intakt ist.

Für den Rest der Siedlung ändert sich auch etwas, aber ins Negative: Der Streik wird aufgehoben und die Bergarbeiter müssen wieder an die Arbeit. Selbst die Tanzlehrerin empfindet nur sporadische Freude, als Billy ihr die Nachricht von der Annahme an der Royal Ballet School berichtet. Obwohl sie Billy den Weg geebnet hat, ist die Tanzlehrerin in der finalen Szene nicht mehr zu sehen. Billy wird nur von seinem besten Freund und seiner Familie besucht. Jeder ist wieder mit sich und seinem eigenen Schicksal beschäftigt. Billys Chance hat die Gesellschaft in der Phase der Hoffnung zusammen geschweisst, kann aber der Realität nicht standhalten. Billy Elliot diente als Symbol der Hoffnung. Der Hoffnung, dass der Wille Berge versetzen und Chancen eröffnen kann.

Letztendlich bleibt Billys Glück jedoch ein singuläres, ein subjektives Ereignis. War die Anteilnahme am Schicksal des kleinen Billy zu Zeiten des Streiks noch groß, schwindet die Teilnahme im Moment der Ankündigung, dass der Streik eingestellt ist. Und so wird Billy Elliot vom Hoffnungsträger einer Siedlung stillschweigend zum Held im leeren Raum. Dies liegt darin begründet, dass die Auflösungsmechanismen unterschiedliche Wege gehen. Billy Elliot löst sich aus der Gemeinschaft und im gleichen Moment löst diese sich auf. Jeder muss wieder auf sich selbst sehen, für das Glück eines anderen bleibt kein Platz.

Kurz vor Schluss sehen wir einen muskulösen jungen Mann, der kostümiert und voller Anspannung in die Kamera sieht. Er dehnt sich mehrfach seinen Kopf und seine Halsmuskulatur. Dann rennt er los im Takt der Musik und hebt sich zu einer Ballet-Figur empor. Billy Elliot hat es geschafft, er ist am Ziel.

Von | 2017-03-09T19:26:08+00:00 22. Juli 2013|

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